| Raveline:
Gibt es für die Notebook-Edition von
"Minimum-Maximum" schon viele Vorbestellungen? |
| Ralf
Hütter: Ich denke ja. Kraftwerk ist nicht
nur Musik, sondern wir erarbeiten auch Texte, die Bilder und die ganze visuelle
Konzeption. Das mache ich mit meinem Partner Florian Schneider schon seit
1970. Diese Notebook-Edition ermöglicht es uns jetzt, sehr viele Ideen
zu verwirklichen, die wir schon lange hatten. Und nun ist sie fertig, das
ist ein befreiender Moment. |
| Raveline:
Ich habe euch mal im Publikum eines Vortrags von Oskar
Sala gesehen. Ich nehme an, dass Pioniere wie Sala, John Cage und bestimmt
Karlheinz Stockhausen Inspirationsquelle für Kraftwerk waren... |
| Ralf
Hütter: Insbesondere in unserem Lebensumfeld
in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Unsere Freunde und wir bewegten
sich in der Kunstszene. Elektronische Musik war uns nicht fremd. |
| Raveline:
Ihr habt in einem alten Interview von 1976 gesagt:
"Die Welt der Geräusche ist Musik." Dazu fiel mir als erstes
ein, ob denn wohl die Mitglieder von Kraftwerk auch Musik von Geräuschmusikern
oder überhaupt Industrial Music hören und mögen? Ist das
ein ähnlicher Ansatz? |
| Ralf
Hütter: Ich kann jetzt nur für mich
sprechen, aber ich sehe da auf jeden Fall eine geistige Verwandtschaft.
Völlig klar. |
| Raveline:
Ihr habt eure Musik auch mal als "Industrial
Folk Music" bezeichnet... |
| Ralf
Hütter: Ja aber nicht mit dem F. Es ging
um "Industrielle Volksmusik", die Engländer haben das übersetzt.
Das war so eine Idee vom elektronischen Volkswagen. Das ist ein Konzept.
Wir haben immer von Alltagssachen berichtet. "Autobahn" war z.B.
der Versuch, Alltagsmusik zu machen. |
| Raveline:
Gibt es elektronische Musik, der – sagen wir
mal vergangenen 20 Jahre, die euch begeistert hat? |
| Ralf
Hütter: Ja, speziell diese Geistesverwandtschaft
zwischen den beiden Städten mit D... |
| Raveline:
Düsseldorf und Detroit! |
| Ralf
Hütter: Genau. Wir kennen die kreativen Köpfe
Detroits wie Derrick May, Mike Banks und Kevin Saunderson. Und das ist unserem
Verständnis nach eine wirkliche Inspiration, wechselseitig, die in
dieser Sprache ihren Sound findet. Die Dynamik, die dort wie hier drin ist.
Dieser Elektrofunk oder wie immer man das nennen will, das ist schon eine
Geistesverwandtschaft. |
| Raveline:
Waren die ersten Cybotron-Platten von Juan Atkins
Dinge, die ihr schon damals, 1981, wahrgenom men habt? |
| Ralf
Hütter: Wir waren auch schon früher
in New York, als uns die Plattenfirma dann zu irgendwelchen Afterhours in
nicht legitimierten Clubs mitgenommen hat. |
| Raveline:
Das gab es damals auch schon? |
| Ralf
Hütter: Ja klar, Ende der Siebziger. Wir
hatten dann das Erlebnis, dass Afrika Bambaataa "Metall auf Metall"
von uns gespielt hat. Ich dachte, oh, fein und dann verging mehr als eine
Viertelstunde und ich wunderte mich, weil das Original-Stück gar nicht
so lang ist. Bis ich dann gecheckt habe, dass er das mit mehreren Plattenspielern
kombiniert hat. |
| Raveline:
Sozusagen ein Live-Remix mit Turntables. |
| Ralf
Hütter: Das muss ’77 gewesen sein. |
| Raveline:
Herr Bambaataa ist auf jeden Fall auch ein Pionier. |
| Ralf
Hütter: Definitiv. |
| Raveline:
Es gibt unendlich viele Musikstücke heutzutage,
bei denen ganz offensichtlich Kraftwerk gesamplet wurde. Ihr wurdet mal
als "the most sampled artists besides James Brown" beschrieben.
Ärgert ihr euch, wenn dies ungefragt passiert? |
| Ralf
Hütter: In der richtigen Musik ist das geistige
Verständigung. Kreatives Feedback. Wenn das allerdings bei irgendwelchen
Gurken oder rein kommerziellen Produkten auftaucht, dann wird unser Verlag
da schon tätig werden. |
| Raveline:
Sammelt ihr eure eigenen Platten? Wenn man alle Kraftwerkplatten,
also auch alle verschiedenen Pressungen haben will, muss man einige tausend
sammeln. |
| Ralf
Hütter: Das halte ich für einen materialistischen
Schwachsinn. Das ist so, als wenn man Bierdeckel sam melt. Das ist total
uninteressant. Es geht doch um Musik, nicht um irgendwelche Plastikteile. |
| Raveline:
Es heißt aber, dass ihr alte Synthesizer sammelt. |
| Ralf
Hütter: Unser Studio verändert sich
seit 1970 ständig, es wird immer etwas neu verkabelt, installiert oder
programmiert. Verbessert. Da wird dann eben auch oft irgendein Gerät
weggeräumt, erst mal ins Lager, man könnte es ja noch mal brauchen.
Irgendwann standen sie da, keiner wollte sie, dann sind sie verstaubt, dann
im Kling Klang Museum reaktiviert worden. Zehn Jahre später haben wir
sie dann alle auf dem neusten Stand der Technik restauriert und instandgesetzt.
Jetzt hat man uns gefragt, ob wir sie für eine Ausstellung zur Verfügung
stellen könnten, aber im Moment können wir die nicht hergeben,
weil sie tatsächlich in Gebrauch sind. Wir haben in den vergangenen
zwanzig Jahren die original Kraftwerk-Sounds auf digitale Ebene transferiert.
Zusammen mit unseren Elektro-Musik Ingenieuren Fritz Hilpert und Henning
Schmitz. |
| Raveline:
Ihr habt früher eine tonnenschwere Geräteburg
mit auf Tour genommen. |
| Ralf
Hütter: Ja, das Kling Klang Studio ist unser
Instrumentarium. Das ist seit den ersten Konzerten so. Das waren damals
noch einzelne Instrumente oder einzelne Racks mit vielen Kabeln. Dann haben
wir das irgendwann zusammengebaut in Multi-Racks. |
| Raveline:
Das war immer live identisch mit dem Equipment im
Studio. Ist das jetzt immer noch so? Was ihr jetzt mit euch herumtragt,
ist wesentlich kompakter. |
| Ralf
Hütter: Jetzt spielen wir mit dem virtuellen
Kling Klang Studio mit Laptops auf Konzerten in Echtzeit und mobil. Deswegen
konnten wir auch seit 2002 in der ganzen Welt unterwegs sein. Wir haben
heute kompletten Zugriff auf die gesamte audiovisuelle Show, die sich auch
von Konzert zu Konzert etwas verändert. Dadurch ist es eben auch interessant.
Wir müssen nicht mehr jeden Tag aufbauen um einen fixierten Status
zu erreichen, sondern wir können damit live arbeiten. Früher waren
wir auf Tournee eher reproduktiv unterwegs, vieles hat nicht funktioniert,
das war eine Qual, diese Konzerte damals. Deswegen haben wir auch nur eine
Tournee gemacht, 1975 ("Autobahn"), dann Jahre lang fast nichts
mehr und 1981 ("Computerwelt"), als wir wieder eine Tournee gemacht
haben, haben wir eben zu meinem Analog-Sequenzer auch viele Tonbänder
benutzt, weil unsere Musik damals eigentlich live gar nicht spielbar war. |
| Raveline:
Die Live-DVD, die ihr jetzt herausbringt, vermittelt
die Illusion, dass es sich um den kompletten Mitschnitt eines Konzertes
handelt. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es aus sehr vielen
Konzerten zusammengestückelt worden ist. Gab es kein Konzert, das von
vorne bis hinten toll war? |
| Ralf
Hütter: Wir haben alles mitgeschnitten und
dokumentiert. Wir haben dann die Aufnahmen ausgewählt, aufgrund von
Qualität und Intensität und dann zusammengestellt. Das ist auch
unser Konzept von elektronischer Mobilität. "Tour de France"
sollte unbedingt aus Paris sein, "Autobahn" aus Berlin, "Dentaku/Taschenrechner"
aus Tokio. Wir hatten später noch viel mehr Material zur Verfügung,
aber das konnten wir nicht mehr einbauen. In Santiago de Chile zum Beispiel
hat das Publikum beim Mitklatschen das beste Timing der Welt. So etwas Synchrones
hab ich vorher noch nicht erlebt. |
| Raveline:
Wenn Kraftwerk im Studio sind, passiert es dann manchmal,
dass ihr nur so zum Spaß Musik macht, also einfach ein wenig herumspielt? |
| Ralf
Hütter: Wir haben mal gesagt, die Musik komponiert
sich selbst. |
| Raveline:
Das heißt stetiges Ausprobieren und Herumjammen? |
| Ralf
Hütter: Da kommen wir her, das machen wir
schon seit Ende der sechziger Jahre. Mehr als ein Dritteljahrhundert laufen
wir auf demselben elektronischen Weg. Man versucht, nur offen für Ideen
zu sein. Die kommen beim Radfahren, wie eben "Tour de France",
die kommen beim Autofahren wie "Autobahn". Manche Sachen entstehen
auch aus Texten, aus Büchern, aus allem Möglichen. Wir nutzen
alle gedanklichen Ideen, wir arbeiten nicht nach einem Prinzip. Die Freiheit
liegt gerade darin, das einem heute alle Kunstformen offen stehen. Es ist
ein Geschenk, dass wir in einer Zeit leben, in der man kein großes
Orchester braucht und keinen Fürsten benötigt, der einem Golddukaten
zur Verfügung stellt. Jetzt gibt es eine Autonomie, die sich über
die Mensch-Maschine Kraftwerk verwirklichen lässt. |
| Raveline:
Euer Studio wirkt ein bisschen wie eine Trutzburg
gegen die Außenwelt. Nun habt ihr mehrfach betont, dass ihr überhaupt
nicht isoliert seid, dass ihr euch viel mit Freunden trefft und ein ganz
normales Leben führt. Darüber weiß man allerdings relativ
wenig. Ist das Privatleben der superwichtige Ausgleich für ein Künstlerleben? |
| Ralf
Hütter: Nein, wir sehen uns als Wissenschaftler,
als Musikarbeiter. Wir machen unsere Arbeit, wir trinken morgens eine Tasse
Kaffee, am Wochenende fahren wir mal Rad. Wir sind in Clubs, weil uns die
lebendige Szene von elektronischer Musik wichtig ist. Und zwar da, wo sie
stattfindet. Wir sind der Clubkultur schon seit den sechziger Jahren verbunden. |
| Raveline:
Heißt das, dass ihr auch jetzt häufiger
oder ganz gezielt zu Auftritten von irgendwelchen Live-Künstlern oder
DJs reist? |
| Ralf
Hütter: Meist passiert das, wenn wir unterwegs
sind. Wenn es der Reiseplan erlaubt, denn sonst kann es passieren, dass
man aufgrund von Schlafdefizit sich abends bei Konzerten nicht mehr konzentrieren
kann. Die Arbeit am Bildschirm, mit der Mouse, das sind Feinstbewegungen.
Minimale Bewegungen mit maximaler Klangwirkung und auch Bilderwirkung. Auch
wieder ein geistiger Bezug zu dieser Arbeit "Minimum-Maximum". |
| Raveline:
Könnt
ihr euch eine Zusammenarbeit mit anderen Musikern vorstellen? |
| Ralf
Hütter: Wir haben schon mit verschiedenen
Musikern, bzw. speziell mit Musikingenieuren zusammengearbeitet. Z.B. mit
François K, mit William Orbit, mit Etienne de Crécy, mit Orbital,
mit Underground Resistance. |
| Raveline:
Das Überarbeiten eures Backkatalogs ist jetzt
abgeschlossen. |
| Ralf
Hütter: Ja, endlich. Es geht auch um eine
Klarheit und jetzt ist das erstmals alles so, wie es gedacht war. |
| Raveline:
Habt ihr so die Möglichkeit, in Zukunft wieder
häufiger Platten zu veröffentlichen? |
| Ralf
Hütter: Ja, auch weil die technische Entwicklung
sich zu unseren Gunsten verändert hat. Wir haben jetzt die richtigen
Werkzeuge zur Verfügung, sodass wir nicht mehr soviel Zeit mit Verkabeln
und Installieren verbringen müssen. |
| Raveline:
Die Teenie-Zeitung Bravo zitiert dich 1975 mit dem
Satz: "Eines Tages werden sie unsere Musik nachahmen." Hättest
du dir damals vorstellen können, dass das wirklich passiert? |
| Ralf
Hütter: Ja, das haben wir damals gedacht.
Wir haben denen damals in meinem alten Volkswagen das Album vorgespielt.
Wir hatten hinten einen großen Lautsprecher installiert, man hatte
noch nicht so Anlagen wie heute. Und dann sind mein Freund Florian und ich
mit unserem Dichter- und Malerfreund Emil Schult und mit Bravo über
die Autobahn gefahren. Unsere Musik wurde Anfang der Siebziger meist nur
in Spezialsendungen im Radio gespielt, z.B. von Winfried Trenkler. Kraftwerk
fand vor "Autobahn" nur in dieser Kunst- und Studentenszene statt.
Und dann eben live, wir kommen aus dieser Livemusikszene. Dass wir jetzt
in der ganzen Welt wieder elektronische Musik spielen, ist etwas, bei dem
sich der Kreis schließt. Jetzt nimmt dass die Gestalt an, wie wir
uns das damals in unserer Fantasie vorgestellt haben. |
| Raveline:
Auch vor dreißig Jahren habt ihr gesagt: "In
zwanzig Jahren werden unserer Meinung nach kaum noch Gruppen mit Gitarren
und Schlagzeug auftreten. Für uns gehören diese Instrumente heute
schon der Vergangenheit an". |
| Ralf
Hütter: Richtig. |
| Raveline:
Das hat sich aber nicht ganz bewahrheitet. |
| Ralf
Hütter: Es gibt sehr viele Antiquitäten.
Aber das ist nach wie vor richtig. Es gibt auch noch Sinfonieorchester.
Nach unserer Auffassung kann man eben die Gedanken oder das Wesen der Jetztzeit
nur mit adäquaten Mitteln umsetzen. |
| Raveline:
Ihr habt recht wenige konkrete politische Statements
in eurer Musik... |
| Ralf
Hütter: Eher gesellschaftspolitische, aus
unserem Alltagsleben. |
| Raveline:
Konkret findet man nur die neue Version von "Radioaktivität". |
| Ralf
Hütter: Ja, das haben wir eingefügt,
weil es da unendliche Missverständnisse gab. Wir wollten einfach mit
einem Wort ("Stop") diese Missverständnisse klarstellen. |
| Raveline:
Durch das letzte Album ist das Thema Radsport noch
mal massiv auf den Plan gerufen... |
| Ralf
Hütter: Ich hatte 1983 diesen Text mit meinem
französischen Freund Maxim Schmidt geschrieben. Florian hat gleichzeitig
mit seinem ersten Sampler mit Geräuschen experimentiert. Daraus entstand
das Albumkonzept "Tour de France". Damals haben wir unter Zeitdruck
nur diese eine Single veröffentlicht und dann sind die Ideen etwas
in Vergessenheit geraten. Das schlummerte aber praktisch als Filmskript
in langer Version im Studio unter der Rubrik unvollendete Projekte. Und
das haben wir eben jetzt zuende gebracht. |
| Raveline:
Ihr seid schon sehr lange als Radsportler selber aktiv... |
| Ralf
Hütter: Ja, seit "Mensch-Maschine".
Das Konzept von "Mensch-Maschine" hat ein Bewusstsein gebracht,
aus dem reinen Klangfeld der Musik hat sich eine dynamische Körperlichkeit
Mensch-Maschine schlüssig ergeben. Das haben wir so ausprobiert und
die Faszination ist geblieben. |
| Raveline:
Die Einheit Mensch und Fahrrad ist immer noch die
Mensch-Maschine. |
| Ralf
Hütter: So ist es. |
| Raveline:
Das Mensch-Maschine Motiv ist immer ein Menschheitstraum
gewesen. Das gab es schon bei den Griechen, bei den Alchemisten spielte
das eine große Rolle, in E.T.A. Hoffmanns "Sandmann", im
Film "Metropolis" ist es Thema – es gibt unzählige
Beispiele. |
| Ralf
Hütter: Das war für uns Wirklichkeit
geworden. Es gab oft das Missverständnis vom Maschinenmensch, aber
uns ging es immer um Mensch-Maschinen. Wir sind interaktiv verbunden mit
den Maschinen, das ist bis heute so geblieben, das ist ein Synonym für
Kraftwerk. |
| Raveline:
War Kurt Schwitters "Schmidt-Lied" von 1927
die Vorlage für das Album "Radioaktivität"? |
| Ralf
Hütter: Das kenne ich gar nicht. |
| Raveline:
Darf
ich kurz daraus zitieren? |
| Ralf
Hütter: Ja, gern! |
| Raveline:
"Und wenn die Welten untergehn, / so bleibt die
Welle doch bestehn. / Das Radio erzählt euch allen, / was immer neues
vorgefallen. / Und funk ich hier ins Mikrofon, / hört man im Weltall
jeden Ton. / Und bis in die Unendlichkeit, / erfährt man jede Neuigkeit.
/ Wir funken bis zum Untergang / ins Weltall kilometerlang." |
| Ralf
Hütter: Geistesverwandtschaftlich verbunden! |
| Raveline:
Bleibt mir nur zu sagen, dass wir alle hoffen, nicht
ganz so lange warten zu müssen und wir freuen uns auf neues Material.
Du wirst nächstes Jahr sechzig, ich hoffe, dass Kraftwerk noch sehr
lange Musik produzieren und live präsentieren wird. Aber wenn man seit
25 oder 30 Jahren Rad fährt, wie ihr es tut, dann soll man wohl fit
sein. |
| Ralf
Hütter: Ja, sind wir auch. |
| Raveline:
Wunderbar, weiterhin viel Erfolg und vielen herzlichen
Dank. |
| |
| Interview
to Hauke Schlichting |
| Thanks
to Dirk Matten - Germany |
|