| Sonntagszeitung:
Sie gelten als ambitionierter Hobbyradler. Welche
"Tour de France" Etappen sind Sie selbst schon gefahren? |
| Ralf
Hütter: Wir fahren alle seit Jahrzehnten
Rad. Ich besonders. Wir sind alle Pässe, die im Büchlein zur CD verzeichnet
sind, gefahren. Die klassischen Etappen über die Pässe Madleine, Galibier
nach Alpe d'Huez in den Alpen, und von Luchon über den Tourmalet nach Luz
Ardiden in den Pyrenäen. |
| Sonntagszeitung:
Geht das so leichtfüssig, wie es Ihre "Soundtracks"
implizieren? |
| Ralf
Hütter: Wenn man in Form ist, fällt es leicht.
Wenn's gut läuft, dann geht's fast geräuschlos. Kleinere Radgeräusche und
menschlicher Atem; den haben wir für das Album aufgenommen. "Er hat
keine Kette drauf", nennt man diesen schwebenden Zustand. Das ist wie
in einem Konzert, in dem die Musik wie von selbst läuft. Da gibt es gewisse
Parallelen. |
| Sonntagszeitung:
Verglichen mit dem Leiden der Veloprofis an der jüngsten
Tour de France wirken Ihre "Soundtracks" wie eine Sublimierung.
Oder wie Fahrer, die viel Epo gespritzt haben. |
| Ralf
Hütter: Sublimiert sind unsere Klänge allemal.
Gewiss. Die Tour de France hat uns übrigens eingeladen. Der frühere Spitzenfahrer
Gilbert Duclos-Lasalle war unserer Capitaine de route. In seinem Wagen fuhren
in der Etappe nach Alpe d'Huez direkt hinter Tourdirektor Jean-Marie Leblanc. |
| Sonntagszeitung:
Leiden gehört doch zum Radfahren? |
| Ralf
Hütter: Man geht in gewissen Phasen bis an
die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Als Profi wie als Hobbyfahrer. Man
fährt im Rahmen seiner Möglichkeiten, im Rhythmus seines Lebens. So haben
wir als Musiker übrigens immer gearbeitet. In den sechziger Jahren arbeiteten
wir mit Tonbändern, editierten mit Rasierklingen. Wir spielten elektroakustische
Instrumente. In den frühen siebziger Jahren benützten wir die ersten Synthesizer.
|
| Sonntagszeitung:
Dass jetzt ein neues Kraftwerk-Album erscheint, ist
eigentlich unglaublich. Es wurde so oft angekündigt und erschien dann doch
nicht. Wieso? |
| Ralf
Hütter: Wir hatten das Konzept für ein "Tour
de France" Album bereits 1983. Daraus wurde nur die "Tour de France"
Single, weil wir an dem Album "Technopop" zu arbeiten begannen.
Aus diesem wurde schliesslich "Electric Cafe". Danach haben wir
alle Aufnahmen digitalisiert. Letzten Herbst traten wir in der Cité de la
Musique in Paris erstmals mit Laptops auf. Wir sind mit unserem Studio jetzt
mobil. |
| Sonntagszeitung:
Ich dachte, das seien Sie schon lange. |
| Ralf
Hütter: Unser Klingklang Studio war früher
mehrere Tonnen schwer. 1998 sind wir damit um die Welt gereist. Jetzt haben
wir es auf eine digitale Plattform reduziert. Wir können unser Studio praktisch
im Handgepäck transportieren. Und es funktioniert bestens in verschiedenen
Klimazonen. Wir sind damit in Japan in der Kälte und in Australien in der
Hitze aufgetreten. Fantastisch. . |
| Sonntagszeitung:
"Tour de France Soundtracks" ist Ihr erstes Album
mit neuen Stücken seit 1986. |
| Ralf
Hütter: Nein. 1999 haben wir "Expo 2000"
gemacht, ein Minialbum mit der Musik für die Weltausstellung in Hannover.
|
| Sonntagszeitung:
Trotzdem ist Ihr Arbeitstempo gemächlich. |
| Ralf
Hütter: Wir sind total autonom. Wir machen
alles selbst, in Zusammenarbeit mit unserem Computer-Ingenieur. |
| Sonntagszeitung:
Das frühere Kraftwerk-Mitglied Wolfgang Flür sagte
einmal, Ralf Hütter interessiere sich mittlerweile mehr fürs Radfahren als
für die Musik. Das sei der Grund, weshalb alles so lang dauere. |
| Ralf
Hütter: Wer ist Flür? |
| Sonntagszeitung:
Er war rund 15 Jahre bei Kraftwerk. |
| Ralf
Hütter: Flür war einer der Schlagzeuger,
die wir für Tourneen und Aufnahmen verpflichteten. Seine Behauptung ist
falsch. Er kann das Radfahren gar nicht beurteilen; er ist nie selber Rad
gefahren. |
| Sonntagszeitung:
Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung fürs Radfahren?
|
| Ralf
Hütter: Vermutlich aus einer Affinität zur
Musik. Der Mensch und die Maschine, die zu einer Einheit werden. Der Mensch,
der sich aus eigener Kraft bewegt, in Zusammenarbeit mit einer Maschine.
Interessanterweise wurden während der Tour de France in den letzten Wochen
in den Medien Ausdrücke gebraucht wie "Ullrich, die Menschmaschine"
oder "Ullrich, ein Kraftwerk auf Rädern". Radfahren ist übrigens
auch ein Gesundheitsprogramm. Viele Leute aus der Musikwelt sind ausgebrannt,
haben sich kaputt machen lassen. Wir aber sind voller Energie. |
| Sonntagszeitung:
Mit dem "Tour de France" Album nehmen Sie
ein altes Kraftwerk-Thema auf. Ist Ihr Werk womöglich abgeschlossen? |
| Ralf
Hütter: Nein, das ist keineswegs so. Aber
wir haben keinen Vierjahresplan, wir haben überhaupt keinen Plan. Unsere
Arbeit wird sich wieder lebendiger entwickeln. |
| Sonntagszeitung:
Wenn man die Popmusik so stark beeinflusst hat wie
Kraftwerk, scheint jede neue Äusserung schwierig, denn sie könnte den Mythos,
geniale Technopioniere zu sein, gefährden... |
| Ralf
Hütter: Solche Überlegungen sind uns fremd.
Das sind Denkmodelle, die Musikkritiker wälzen. Uns interessieren solche
Fragen nicht. |
| Sonntagszeitung:
Kraftwerk waren mit ihrer elektronischen Klangerzeugung
Avantgarde. Es ist unausweichlich, den Vorsprung einzubüssen. Beschäftigt
einen das nicht? |
| Ralf
Hütter: Wir haben immer gemacht, was wir
wollten. Wir sind immer mit Vorurteilen konfrontiert worden. Als wir "Trans
Europa Express" herausbrachten, hiess es, "was beschäftigt Ihr
Euch mit so altem Zeugs wie dem TEE, das ist doch Vergangenheit". Als
"Computerwelt" erschien, nannte man uns "Knöpfchendreher".
Als wir jenes Album machten, dachten wir, wir seien vielleicht schon zu
spät mit dieser Thematik. Im Nachhinein sieht das natürlich anders aus.
Der Personal Computer kam erst zwei Jahre später auf den Markt. |
| Sonntagszeitung:
Ihre Videos zum "Tour de France" Stück von
1983 wie auch jenes zu "Das Modell" waren mit Bildern aus der
Vergangenheit illustriert. Wieso eigentlich? |
| Ralf
Hütter: In Frankreich hat das mal jemand
als "Retrofuturismus" beschrieben. Manchmal muss man zurück schauen,
um nach vorne zu sehen. Dieser permanente Zwang zum Neuen, der in unserer
Gesellschaft herrscht, passt uns nicht. Uns kommt es auf die Essenz an.
|
| Sonntagszeitung:
In einem früheren Interview sagten Sie "wenn
man davon ausgeht, dass jeder seine eigene Musik macht, braucht es uns nicht
mehr". Diesen Zustand haben wir heute, im Zeitalter des DJ. |
| Ralf
Hütter: Das ist richtig. Die Elektromusik,
die wir sozusagen geistig mitentwickelt haben, hat dies ermöglicht. Für
uns ist es allerdings kein Grund aufzuhören. Wir werden uns da nochmals
voll einklinken. |
| Sonntagszeitung:
Die "Menschmaschine" ist Ihr Lieblingsthema.
Auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren durch die Verbindung Mensch-Computer
enorm viel passiert. Verfolgen Sie das? |
| Ralf
Hütter: Ja, sehr. Wir versuchen das auch
auf unsere Arbeit anzuwenden. Wir stellen uns vor, dass unsere Roboter in
Tokio ein Konzert geben, während wir in Paris sind. Das Grösste ist, wenn
die Musik sich selbst spielt. |
| Sonntagszeitung:
Das ist ein altes Kraftwerk-Projekt. |
| Ralf
Hütter: Das stimmt. Die Geräte waren allerdings
lange nicht zugänglich. Doch wir sind voll dabei. |
| Sonntagszeitung:
Als vor ein paar Jahren die TV- und CD-Serie "Pop
2000" zusammengestellt wurde, die die Geschichte der deutschen Popmusik
aufrollte, fehlten ausgerechnet Kraftwerk, Deutschlands wichtigster Beitrag
zur Popgeschichte. Wieso? |
| Ralf
Hütter: Wir waren immer Aussenseiter. Wir
wurden zwar angefragt für "Pop 2000". 2000 Jahre Popmusik? "Ne,
da sind wir nicht dabei", war unsere Antwort. |
| Sonntagszeitung:
Sind die anderen deutschen Popmusiker nicht gut genug
für Kraftwerk? |
| Ralf
Hütter: Nein. Wir machen einfach unser Ding.
In Freiheit. Dieses Kompilieren, dieses Verpacken, Verwursten, Verwursteln
hat uns immer widerstrebt. |
| Sonntagszeitung:
Werden Sie uns wieder mit Auftritten beehren? |
| Ralf
Hütter: Ja, wir haben vor, im Herbst und
Winter in Europa auf Tournee zu gehen. |
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Interview
to Michael Lüther
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